Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles

  

Kaiserreich

Das Deutsche Kaiserreich (1871-1918) bildete den ersten deutschen Nationalstaat und endete in der Katastrophe des Ersten Weltkriegs.

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles der preußische König Wilhelm I. (1871-1888) zum deutschen Kaiser proklamiert. Die Reichseinigung, die aus der von Reichskanzler Bismarck angestrebten "kleindeutschen Lösung", d.h. ohne Österreich, bestand, war ein Bündnis der 22 deutschen Monarchen und der drei freien Städte.

Das Kaiserreich war eine konstitutionelle Erbmonarchie. Der Kaiser ernannte den Reichskanzler und konnte den Reichstag einberufen und auflösen. Das Reich war mit 67 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land in Europa und eine im wirtschaftlichen Aufstieg begriffene Macht. Innenpolitisch war das Reich von starken sozialen Spannungen geprägt. Eine Minderheit von protestantisch-preußischer Aristokratie und Bürgertum besaß die politische und wirtschaftliche Macht, während die Arbeiterschaft, die katholische Bevölkerung und die nationalen Minderheiten (Polen, Dänen und Franzosen) benachteiligt waren.

Der Industrialisierung folgte das Anwachsen des Proletariats, das sich unter den Bedingungen von Massenverelendung und staatlicher Repression zunehmend politisierte. Bismarck versuchte, mit den "Sozialistengesetzen" die politische Organisation der Arbeiterschaft zu verbieten und gleichzeitig, mit sozialen Reformen die Spannungen abzumildern.

Das Kaiserreich bildete mit seiner Gesellschaftsstruktur und seinen Wertvorstellungen das Fundament für die Entwicklungen des 20. Jahrhunderts: Obrigkeitstaatliches Denken, übersteigerter Nationalismus, Antisemitismus und Militarismus bestimmte das Denken vieler Deutscher. Andererseits war das ausgehende 19. Jahrhundert auch eine Epoche der Modernisierung und der Emanzipation von Gesellschaft, Kultur und Politik.

Kanzler Bismarck bemühte sich, das außenpolitische Kräftegleichgewicht in Europa zu erhalten und durch eine geschickte Bündnispolitik die Stellung Deutschlands zu stärken. Kaiser Wilhelm II. (1888-1914) setzte auf eine aggressive Außen- und Kolonialpolitik, die die anderen europäischen Großmächte näher zueinander führten.

Internationale Krisen und ein ständiges Wettrüsten destabilisierte die internationale Lage zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr. Eine allgemeine Kriegsbegeisterung und die Unwilligkeit, die Konflikte auf diplomatischen Weg zu lösen führte schließlich in den Ersten Weltkrieg. Deutschland begann den Krieg am 1. August 1914, der 1918 mit fast 15 Millionen Toten endete. Eine Revolution in Deutschland beendete den Krieg und gleichzeitig auch das Kaisertum. Willhelm II. dankte im November 1918 ab und flüchtete sich in die Niederlande.

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