Tiergartenstraße Nr. 4 in Berlin, um 1940

  

Euthanasie

"Euthanasie" (aus dem Griechischen: "leichter Tod") war im Nationalsozialismus die verharmlosende Bezeichnung für die Ermordung von geistig Behinderten und chronisch kranken Menschen, die der sozialdarwinistischen Wunschvorstellung einer erbgesunden und leistungsfähigen Bevölkerung im Wege standen.

Sie galten als von der Natur ohnehin zur "Ausmerze" vorgesehenes "lebensunwertes Leben". Solche Vorstellungen hatten in Deutschland, aber auch im übrigen Europa eine lange Tradition, insbesondere bei Wissenschaftlern der Medizin, Biologie, Psychologie und Anthropologie. Nach der Machtübernahme schuf das NS-Regime mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14.7.1933 und dem Ehegesundheitsgesetz vom 18.10.1935 zunächst die Voraussetzungen dafür, die geistig und chronisch Kranken systematisch zu erfassen, ihnen die Gründung von Familien zu untersagen und eine Vielzahl zwangsweise zu sterilisieren. Parallel wurde die deutsche Bevölkerung durch eine umfangreiche Propagandatätigkeit indoktriniert. Beispielsweise wurden im Schulunterricht Mathematikaufgaben gestellt, in denen die Pflegekosten der Behinderten und Kranken gegen die Unterhaltungskosten von gesunden Familien aufzurechnen waren.

Die planmäßigen Tötungsaktionen begannen nach dem Kriegsausbruch ohne gesetzliche Grundlage unter der Tarnbezeichnung "Aktion T4" (nach der Berliner Tiergartenstr. 4, der Adresse der Verwaltungszentrale der Tötungen). Die Kranken und Behinderten, zunächst Kinder und danach Erwachsene, wurden in den Pflegeanstalten selbst oder in besonderen Tötungsanstalten mit Giftspritzen getötet, vergast oder man ließ sie verhungern. Die Leichen wurden heimlich eingeäschert und die Angehörigen durch die Angabe von falschen Todesursachen getäuscht, was allerdings oft misslang. Nach Protesten einiger Anstaltsleitern und hochrangiger Geistlicher wurde die Aktion im Sommer 1941 offiziell eingestellt, jedoch unter noch größerer Geheimhaltung und in kleinerem Maßstab in den Konzentrationslagern fortgeführt. Insgesamt fielen der "Euthanasie" etwa 120.000 Menschen zum Opfer.

[nach: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235ff, S. 355]